Schundautor, Antisemit, Stichwortlieferant für die Nazis: Karl May wurde für vieles gescholten. Zu Recht?

Karl May verklärte seine Helden Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, aber eine Linie zu Hitler lässt sich von ihm aus nicht ziehen. Der Literaturwissenschafter Thomas Kramer zeichnet ein differenziertes Bild des Schriftstellers.

Jörg Scheller 4 min
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Der Schriftsteller geht auf in der Figur, die er geschaffen hat: Karl May (1842–1912), verkleidet als Old Shatterhand.

Der Schriftsteller geht auf in der Figur, die er geschaffen hat: Karl May (1842–1912), verkleidet als Old Shatterhand.

Imago

Geschichte wird nicht nur von Gewinnern geschrieben. Sondern auch von Menschen, die in der Zukunft erst noch gewinnen wollen. Dafür wird die Vergangenheit immer wieder aufs Neue zum Schauplatz von Kulturkämpfen. In diesen Kämpfen fechten Kontrahenten aus, wer künftig den Ton angeben wird. Die populären Abenteuer- und Reiseerzählungen von Karl May (1842–1912) aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bilden da keine Ausnahme.

Im Lichte veränderter globaler Machtverhältnisse werden sie heute einer postkolonialen und antirassistischen Kritik unterzogen. Während manche Vertreter postkolonialer Theorien in May einen Stichwortgeber europäischer Herrenmenschen, Kolonisatoren und Rassisten sehen, verteidigen ihn May-Fans als friedfertigen Humanisten oder harmlosen Fabulierer. Mit seinem Buch «Karl May im Kreuzfeuer» liefert der Berliner Literaturwissenschafter Thomas Kramer nun einen klugen, so differenzierten wie pointierten Essay zur gegenwärtigen Debatte.

Kramer verfügt über profunde Kenntnisse des Mayschen Gesamtwerks sowie jüngerer verwandter Genres wie des Western oder der Superheldengeschichten. Anders als der im Buch mehrfach kritisierte Historiker Jürgen Zimmerer, der auf Basis flüchtiger Quellenlektüre zu einseitigen Urteilen über May kommt, tut Kramer das, was für Wissenschafter eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Er betreibt Quellenkritik, wenn er zeigt, wie manche Bücher Mays von Verlagen überarbeitet und ideologisch verzerrt wurden, und er betreibt Konstellationsforschung, wenn er May im Kontext seiner Zeitgenossen analysiert. War der Kleinkriminelle, Hochstapler und spätere Starautor also Rassist, gar Antisemit?

Antisemitische Klischees

Kramer klärt in erfrischend nonchalanter Sprache auf und bedient sich dafür bevorzugt eines vergleichenden Ansatzes. Während etwa Karl Marx in seinem Artikel «Die russische Anleihe» (1856) unverhohlen antisemitische Propaganda verbreitet, sind antisemitische Klischees bei Karl May in subtilerer Form vorhanden. Doch sie fügen sich nicht zu einem geschlossenen Weltbild.

Kramer kritisiert May konsequenterweise dort, wo er gruppenbezogene Klischees oder kulturchauvinistisch-orientalistischen Kitsch verbreitet, und rehabilitiert ihn dort, wo er für humanistisch-pazifistische Ideale eintritt. Er legt dar, dass May zwar nicht gegen Vorurteile gefeit war, aber nicht nur gegen den Kolonialismus der Europäer und gegen die Südstaatensklaverei, sondern auch gegen die Sklaverei im Islam Position bezog.

Hier bietet sich ein Vergleich mit dem Philosophen Immanuel Kant an. Der verbreitete zwar in seinem Frühwerk unkritisch die rassistischen Stereotype seiner Zeit. Später aber, etwa in der «Metaphysik der Sitten» (1797), schlug er andere Töne an und sprach sich klar gegen die gewaltsame Kolonisierung Amerikas aus.

Keine weisse Herrenrasse

Somit lässt sich nicht, wie Zimmerer insinuiert, eine Linie von May zu Adolf Hitler ziehen. Dass Hitler May schätzte und, dieser Hinweis fehlt bei Kramer, in der brutalen Eroberung Amerikas ein Vorbild für die Ostexpansion des Deutschen Reiches sah, besagt nur wenig – der autoritäre Charakter biegt sich seine Einflüsse zurecht, wie es ihm passt.

May schwebten keine europäischen Staaten als globale Ordnungsmächte oder gar eine weisse Herrenrasse als globaler Blockwart vor. Vielmehr kritisierte er in seinem Werk solche Ziele und träumte von einer «indianisch-germanischen Mischrasse». Laut Kramer ist Mays Werk denn auch eher christlich als rassistisch geprägt. May neigte zum Missionarischen und verklärte seine Superhelden Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi zu Heilsbringern aus deutschen Landen. Doch stellt dies keine Apologie gewaltsamer Bekehrungen im Zeichen des Kreuzes dar.

Da May nicht nur populäre Erzählungen, sondern eine veritable Mythologie für die Massen schuf, ist es folgerichtig, dass Kramer Mays Figuren mit jüngeren Helden der Pop-Kultur vergleicht, unter ihnen Batman. Batman wie auch Mays Superhelden neigen aus Sicht Kramers zur Deontologie. Auch das haben sie übrigens mit Immanuel Kant gemeinsam: Anders als in der Ethik des Utilitarismus heiligt in der Deontologie der Zweck niemals die Mittel. Für Vertreter einer deontologischen Ethik wie Kant sind bestimmte Handlungen in sich entweder gut oder schlecht, ganz egal, was die gewünschten Konsequenzen sind.

Lernen, das europäische Erbe zu lieben

Wer also aus postkolonialer Perspektive nur auf einen Aspekt der Werke Mays oder Kants fokussiert, keine Quellenkritik betreibt und Entwicklungen ausblendet, dem wird es leichtfallen, beide als Rassisten und Verteidiger des Kolonialismus abzustempeln. Wer aber den Blick weitet, wird sein Urteil, wenn nicht revidieren, so doch differenzieren müssen – genau das tut Kramer, der auch bei spürbarer Sympathie für May kritische Distanz wahrt.

Es bleibt zu hoffen, dass die Vertreter der postkolonialen Theorie dereinst eine ähnlich wohlwollend-differenzierte Rezeption erfahren werden. Populistisch wäre es in jedem Fall, sie auf May- oder Europa-Bashing zu reduzieren. Die Autorin Mithu M. Sanyal etwa kommt wie Kramer zu dem Schluss, dass sich von May einiges lernen lasse. Rassismus finde man bei ihm zwar, aber ebenso ethisch Begrüssenswertes.

Und auch die europäische Moderne erfährt in der postkolonialen Theorie nicht nur Ablehnung. Bei der indischen Politikwissenschafterin Nikita Dhawan heisst es: «Ohne koloniale Gewalt zu rechtfertigen, muss die postkoloniale Welt lernen, das Erbe der europäischen Moderne zu lieben.» Wer also nicht möchte, dass die postkoloniale Theorie zum Pappkameraden gemacht wird, sollte keinen Pappkameraden aus Karl May machen. Kramers Buch liefert dafür wichtige Anregungen und gute Argumente.

Thomas Kramer: Karl May im Kreuzfeuer. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2023. 168 S., Fr. 23.90.